Prüfer: Frau Dr. L.
L: Zu Ihnen kommt eine 30jährige Frau mit Kopfschmerzen und möchte von Ihnen eine Akupunkturbehandlung. Sie möchte nicht zum Arzt. Wie gehen Sie vor? (Die Amtsärztin hat von mir zuvor erfahren, dass ich ein TCM-Ausbildung mache.)
P: Ich führe zunächst eine sorgfältige Anamnese durch. Ich frage, seit wann die Schmerzen bestehen, wo der Schmerz lokalisiert ist, welche Art Schmerz, welche Intensität, ob es Begleiterscheinungen oder -erkrankungen gibt, ich frage nach Medikamenten, die sie nimmt.
L: Der Schmerz ist eher dumpf-diffus, im vorderen oberen Kopfbereich lokalisiert. Die Patientin hat schon seit Jahren diese Kopfschmerzen und nimmt schon seit Jahren Kopfschmerzmittel dagegen ein. Keine sonstigen Beschwerden oder Erkrankungen.
P: Welche Mittel hat die Patientin genau genommen? Es könnte nämlich auch sein, dass die Kopfschmerzen langfristig durch die Schmerzmittel selbst hervorgerufen werden.
L: Aspirin, Paracetamol, das Übliche.
P: Ich würde jetzt eine gründliche ganzkörperliche Untersuchung durchführen. Blutdruck und Puls messen, die Augen und Ohren überprüfen, die Nervenaustrittspunke am Kopf palpieren, die Schädelkalotte abklopfen, mir den Hals nach evtl. Stauungszeichen anschauen, Herz und Lunge auskultieren, mir den Bewegungsapparat ansehen, also Haltung , den Verlauf der Wirbelsäule und ich würde einen neurologischen Status machen.
L: Ist alles ohne Befund. Sonst noch etwas?
P: Ferner würde ich ein Blutbild machen lassen, da auch eine Anämie vorliegen kann.
L: Welche Arten von Anämien kennen Sie?
P: Eisenmangelanämie (mikrozytär), Anämie auf Grund von Vit. B12- oder Folsäure-Mangel (makrozytär), Bildungsstörungen, maligen Erkrankungen, z.B. Leukämie, die das Knochenmark als Blutbildungsstätte zerstören, hämolytisch bedingte Anämien.
L: Nennen Sie mir doch einmal die B-Symptome.
P: Nachtschweiß, Fieber, (das dritte – Gewichtsverlust – fällt mir erst beim 2. Fall ein, ich nannte hier irgendetwas anderes), Leistungsknick.
L: OK. Weiter im Fall. Was machen Sie noch?
P: Ich würde noch einen Urinsticktest machen und den Blutzuckerspiegel mit einem Testgerät bestimmen.
L: Der Sticktest zeigt, dass Protein im Urin ist.
P: Das kann bedeuten, dass die Nieren durch die Medikamenteneinnahme bereits in Mitleidenschaft gezogen worden sind.
L: Was könnte es noch bedeuten?
P: Auch harmlose Ursachen können dahinter stecken, z.B. Stress.
L: Das ist falsch, nur körperliche Belastungen.
P: Ja, stimmt, z.B. extrem langes Stehen oder extremer Sport.
L: Was würden Sie nun im konkreten Fall tun?
P: Man muss den Eiweißwert im Urin im Auge behalten und dringenst raten, die Medikamente abzusetzen. Man könnte mit der Akupunktur beginnen und wenn sich nicht die Kopfschmerzen und der Urinstick schnell bessern, muss ich die Patientin zum Arzt schicken.
L: Wie lange würden Sie warten?
P: 4 Wochen. (Das war eine völlig falsche Einschätzung der Gefahrenlage. Besser wäre gewesen, die Patientin erst nach einem Arztbesuch- Schädel-CT, Urologe – zu behandeln oder 2-3 Tage, höchstens 1 Wochen zu warten. Die Amtsärztin erklärte mir nur, die Frist sei zu lang gewesen. Die medikamenteninduzierte Nierenbelastung hatte ich richtig erkannt).
L: Zu Ihnen kommt eine 25jährige Frau, die sich darüber beklagt, dass sie zur Zeit nicht mehr so leistungsfähig ist wie sonst.
P: Ich erhebe wieder sorgfältig eine Anamnese, frage auch nach dem Beruf, frage nach einem evtl. Gewichtsverlust, weil mich der Leistungsknick aufhorchen lässt (ich merke, dass mir diese Gedanken hinsichtlich der B-Symptomen-Frage im vorigen Teil jetzt nachträglich nichts mehr nützen).
L: Die Patientin ist Studentin, kurz vor ihrem Examen. Sie sagt, sie habe eher etwas zugenommen, vielleicht bewege sie sich zu wenig, weil sie immer soviel am Schreibtisch sitze.
P: Ich führe wieder eine ganzkörperliche Untersuchung durch.
L: Um es abzukürzen: die Patientin hat einen Blutdruck von 110/65 und einen Puls von 60/Min. Sonst gibt es keine auffälligen Befunde.
P: Der Blutdruck ist sehr niedrig und es liegt eine Bradykardie vor. Ich würde die Patientin zum Arzt schicken. (Ich weiß nicht, warum ich nicht auf die richtige Diagnose, eine Hypothyreose, gekommen bin!).
L: Was sagen Sie denn der Patientin?
P: Vielleicht habe ich irgendetwas vergessen. Der Leistungsknick gibt mir zu denken. Ich würde ihr sagen, sie solle sich keine Sorgen machen, aber ich würde sie bitten, vorsichtshalber zum Arzt zu gehen und ein eventuelles malignes Geschehen ausschließen zu lassen. (Die Amtsärztin erklärte mir später, dass ich damit unverantwortlich gehandelt habe, weil ich der jungen Studentin, die kurz vor einer Prüfung gestanden hätte, eine fürchterliche Angst eingejagt habe.)
L: Eine 50jährige Patientin möchte – sie will nicht zum Arzt gehen und war auch schon lange nicht mehr dort – von Ihnen eine Vorsorgeuntersuchung durchführen lassen. Außerdem hat sie von ihrer Freundin ein ganz tolles Mittel für ihr Wohlbefinden empfohlen bekommen, das sie sich auch von Ihnen verschreiben lassen will. Sie hat keinerlei Beschwerden oder gesundheitliche Probleme. Wie gehen Sie vor? Welche Untersuchungen führen Sie durch? Was macht seitens des Heilpraktikers überhaupt Sinn?
P: Zunächst einmal empfehle ich natürlich nicht ein Mittel, ohne mir selbst ein Bild von einem Patienten gemacht zu haben. Ich darf und kann auch nicht eine kassenärztliche und reguläre Vorsorgeuntersuchung durchführen. Das gilt auch für eine gynäkologische Vorsorgeuntersuchung.
L: Was können Sie denn machen und was macht von Ihrer Seite aus Sinn?
P: Ich kann eine sorgfältige Anamnese und eine ganzkörperliche Untersuchung mit den einem Heilpraktiker zur Verfügung stehenden Mitteln durchführen. In der Anamnese frage ich nach ihrer Krankengeschichte und nach in der Familie vorgekommenen Erkrankungen. Die Dame ist ja schon älter und ich kann mir so ein Bild über evtl. Risiken machen.
L: Welche erblich bedingten Krankheiten gibt es denn?
P: Ich denke an Herz-Kreislauferkrankungen, Gefäßerkrankungen (ich dachte an die Arteriosklerose, habe dann dennoch später vergessen, die Blutfette zu untersuchen), Schlaganfall, dann Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus… (etwas Wichtiges habe ich vergessen: Mamma- und Dickdarmkarzinom. Außerdem hätte ich die Patientin genau gezielt und nach einem Plan nach einzelnen Erkrankungen in der Familie befragen müssen. Am besten lernt man einen sorgfältig erstellten Anamneseplan auswendig.).
L: Gut, was untersuchen Sie denn?
P: Ich messe Blutdruck und Puls, schaue mir den Kopf nach Stauungszeichen an, auskultiere Herz und Lunge, überprüfe den Bewegungsapparat, die Wirbelsäule, mache einen neurologischen Status, machen einen Urinstick-Test, überprüfe den Blutzucker, mache ein Blutbild…
L: Welches?
Das kleine genügt zunächst. Ich bestimme auch die Leberwerte (und vergesse hier, auch die Blutfette zu bestimmen!).
L: Oh, die Zeit ist schon weit fortgeschritten. Was machen wir denn nun noch Praktisches?
Die drei Prüferinnen einigen sich darauf, dass ich eine Infusion anlegen soll. Ich habe 10 Min. Zeit.
Ich soll aus dem vorhandenen Material auswählen, was ich brauche und darf mich auch jederzeit noch nachträglich am Vorhandenen bedienen, wenn ich etwas vergessen haben sollte. Ich soll ein Tablett herrichten. Der Gummiarm, ein Stauschlauch, der Infusionsständer und ein Beutel mit Infusionslösung liegen schon bereit. Alles läuft gut, bis ich unsicher werde, ob die Kanüle richtig intravasal liegt. Als wir uns darauf einigen, dass ich eine günstigere Vene nehmen soll, werde ich von der ganzen Situation und von dem Gummiarm, den ich nicht ernst genug nehme, dazu verleitet anzunehmen, ich könnte jetzt einfach nach erneutem Desinfizieren die neu gewählte Vene punktieren. Man hat stattdessen von mir erwartet, dass ich die zuvor punktierte Vene mit Pflaster versorge, die Kanüle verwerfe und mir den anderen Arm mit einer neuen Kanüle vornehme. Die Amtsärztin bezeichnet dies als “groben Fehler”. Im weiteren Vorgehen bin ich irritiert, es ist kein Blut im Kunstarm, und als ich offensichtlich intravasal liege, ziehe ich vorzeitig den Mandrin. Ich stoppe nicht auf Anhieb das vermeintlich fließende Blut durch Abdrücken der Vene oberhalb der Kanüle. Ich bin so durcheinander, dass ich meine, das war’s dann, und die Kanüle hin-und herschiebe, wodurch sie abknickt. Die Abknickung der Kanüle sehen die Prüfer an dem Arm, der auf dem Pult liegt, erst, als ich während der Beratung draußen warte, und auch das wird mir am Schluss vorgehalten.
Zu guter Letzt darf ich die Lebergrenzen der einen Beisitzerin, die sich auf die Liege legt, perkutieren und palpieren. Hieran gab es nichts auszusetzen.
Ich darf nach draußen gehen und auf mein Ergebnis warten:
Leider nicht bestanden!

