Prüfer: Frau Dr. L., Frau M., Frau L.
Ich bin freudvoll und mit einem guten Gefühl in die Prüfung gegangen.
Der Prüfungsraum ist schmal. Frau Dr. L. saß nicht in der Mitte, sondern ganz außen. Mein Stuhl war so gestellt, dass mein Blick zwischen Frau M. und Frau Dr. L. fiel, also ins Leere. Ich versuchte meinen Stuhl so zu rücken, dass ich Frau Dr. L. gegenüber saß, um sie anzuschauen. Das ging nicht, weil meine Beine nicht unter den Tisch passten. Wenn Frau Dr. L. mich ansprach, wandte sie ihren Kopf Richtung Fenster, weg von mir.
Frau Dr. L.: Was wollen sie als Heilpraktikerin machen?
Ich bin seit 1998 selbstständig in eigener Praxis für ayurvedische und ganzheitliche Entspannungsmassagen und ich möchte meine Arbeit mit Cranio sacrale Osteopathie, Lymphdrainage und Fußreflexzonentherapie erweitern.
Frau Dr. L.: Erzählen sie alles zur Listeriose
Die Listeriose ist eine Krankheit aus dem Infektionsschutzgesetz und es besteht Behandlungsverbot für den Heilpraktiker. Meldepflicht besteht für Ärzte und Laborärzte nach § 7 Erregernachweis. (In Gedanken hatte ich mich auf die Leptospirose eingeschossen, konnte zum Glück umschalten) Die Erreger werden durch Rohmilch und nicht genügend erhitztes Fleisch sowie perinatal auf das Ungeborene übertragen. Es kommt zur Mikrozephali und Minderentwicklung. In meinem Hirn kramend erzählte ich noch, dass der Erreger kälteunempfindlich ist und selbst im Kühlschrank überlebt, auch wenn ich ahnte, dass dies zur Zytomegalie gehört. (Ich wußte die meningo-enzephalitischen Hauptsymptome nicht mehr und dass, wenn die Listerien im ganzen Organismus verbreitet sind, es zur Sepsis kommt. Als ich draußen war fielen mir noch die Erreger ein: Listeria monzytogenes)
Frau Dr. L.: Eine Frau ruft sie in ihrer Praxis an und bittet sie zu kommen, da ihr Mann einmal erbrochen hat, Sodbrennen hat, einen epigastrischen Schmerz verspürt und es ihm nicht so gut geht.
Da der Pat. nur einmal erbrochen hat, schließe ich eine Infektionskrankheit aus und fahre zum Patienten nach Hause. Ich frage: Wie alt ist der Pat.?
70 Jahre.
Ist der Mann bei Bewusstsein?
Ja.
Wie sieht der Pat. aus?
Er ist blass.
Ist er kaltschweißig?
Nein.
Hat er Fieber?
Nein.
Kann er den Kopf auf die Brust legen?
Ja.
Wie sind die Blutdruckwerte, wie hoch der Puls?
120/ 70, die Frau sagt, der Blutdruck ist aber schön, so könnte er immer sein. Der Puls liegt bei 95.
Wie ist der Blutzuckerwert, ist er Diabetiker? Bei einem Diabetiker, kann es zu einem stummen Infarkt kommen.
Nein, der Wert liegt bei 80.
Gibt es Vorerkrankungen?
Hoher Blutdruck.
Was hat der Pat. gegessen, wie ist es dazu gekommen?
Er hat normal gefrühstückt, ein Brötchen, ein Kaffe. Gestern seien sie noch spazieren gegangen und alles war normal.. Er habe die Frau schon 2x gebeten, ein Antazida zu geben, das hat nicht geholfen.
Er möge den Schmerz beschreiben, ist er punktförmig ?
Nein, eher allgemein.
Ich weiß nicht mehr genau an welcher Stelle ich gefragt habe, was für Medikamente er einnimmt, es kam an unterschiedlicher Stelle: Blutdruck- und Cholesterinsenker.
Ich untersuche den Pat. Bei der Herzauskulation finde ich Extrasystolen. Ich untersuche das Abdomen nach der vier Quadranten-Regel nach Schmerz, Resistenzen und Abwehrspannung.
ohne Befund. Ich werde gedrängt: Was für einen Verdacht haben sie und was machen sie jetzt? Ich konnte mir auf Sodbrennen und Extrasystolen keinen Reim machen, da keine Schocksymptomatik vorliegt, schicke ich den Pat. mit dem Taxi ins Krankenhaus.
Frau Dr. L.: Kommt eine Frau zu Ihnen mit einem Leistungsknick und Schwindel, sie wüßte von einer Freundin, dass ich ihr ein Mittel verordnet habe, was ihr geholfen hat und sie wolle das nun auch bekommen.
Bevor ich einfach etwas verschreibe, mache ich eine gründliche Anamneseerhebung (Familienanamnese, Eigenanamnese, Sozialanamnese, jetzige Beschwerden, vegetative Anamnese) und eine gründliche körperliche Untersuchung. Alter: 22 Jahre. Beschwerden bestehen seit 6-8 Wochen, BMI: normal, die letzte Regel: vor zwei Wochen, gynäkologisch, alles o.k. RR 110/70, Puls 65, blass, Struma, Obstipation, stumpfes Haar…ich ließ TSH, T3, T4 untersuchen und kam schnell auf die autoimmun bedingte Hashimoto Thyreoiditis, eine Schilddrüsenunterfunktion die sich durch erhöhte TSH und erniedrigten T3, T4-Werten zeigt.
Frau Dr. L.: Wie funktioniert der Fettstoffwechsel, wie sind die Werte? Welche Fette empfehlen sie bei Hyperlipidämie, welche sollen gemieden werden?
Habe alles runter gerattert.
Frau Dr. L.: Was ist eine absolute Arrythmie, welche Komplikationen können auftreten?
Die absolute Arrythmie zeigt sich beim Vorhofflimmern, welche mit 350-600 Schlägen pro Min. keine geregelte Überleitung mehr zur Kammer ermöglicht. Beim Vorhofflattern mit 250-350 Schlägen pro Min. wird noch jede 2-3. Vorhoferregung auf die Kammer überleitet. Beim Vorhofflimmern besteht die Gefahr, dass es in ein Kammerflimmern übergeht.
Was noch?
Es kann eine Embolie entstehen.
Frau M.: Was gehört alles zum Schultergürtel?
Clavicular und Scapula, also Schlüsselbein und Schulterblatt, sowie Muskeln, Bänder, Sehnen, Gefäße u. Nerven.
Ich nannte noch die Muskeln der Rotatorenmanschette:
M. supraspinatus, M. infraspinatus, M. subscapularis, M. terre minor.
Frau L.: Kommt ein Patient zu ihnen, nimmt die Medikamente Bisohexal und Novogaldin (Novodigal), die möchte er nicht mehr einnehmen und sucht ihren Rat.
Was sind das für Medikamente?
Das sollen sie mir sagen!
Ich bitte den Patienten, mir den Beipackzettel zu bringen.
Wollen sie den Patienten wieder nach Hause schicken?
Dann bitte ich den Pat. mir genau den Namen zu nennen und ich notiere mir diese und schaue in der Roten Liste nach.
Ohne das ich es bemerkt hatte, lag die Rote Liste schon vor mir. Ich schlug das Buch in der Mitte auf und wollte nach dem Alphabet gehen, merkte aber, hier bin ich falsch, da hier eine Sortierung nach Indikationen vorlag. Ich schlug vorne auf und wußte, ich muss im rosafarbenen Teil nachschlagen, fand das Novogaldin, doch stand keine Indikation dabei. Also war ich genauso schlau wie vorher. Als ich es erneut versuchen wollte unterbrach mich Frau L.: Ich sehe, sie können mit der Roten Liste nicht umgehen, ich sag ihnen, was das für Medikamente sind: Ein Betablocker und ein Digitalispräparat. Was machen sie jetzt?
Ich weiß, dass ich in der Roten Liste alle Medikamente finde, die rezeptpflichtig sind, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und die, die frei verkäuflich sind. Ich ändere weder die Dosierung, noch verschreibe ich ein anderes Medikament. Dies muss der Pat. in Absprache mit dem Arzt vornehmen.
Ich nannte die pflanzlichen Herzglykoside 1. Ordnung (verschreibungspflichtig) wie Digitalis u. Strophantin, der 2. Ordnung wie Crataegus – hier ist auch eine Überdosierung möglich und Scilla (beides nicht verschreibungspflichtig) und die der 3. Ordnung: Convallaria, und Oleander. Adonis wollte mir in dem Moment nicht einfallen, wollten sie auch nicht wissen.
Frau Dr. L.: Dann machen wir noch einen kleinen praktischen Teil.
Sehr gerne.
Messen sie den Blutdruck. Frau L., stellen sie sich zur Verfügung?
Die Messung ging ohne Probleme, Frau Dr. L. bestätigte den Wert.
Dann durfte ich raus gehen und warten, bis ich wieder rein gerufen wurde.
Ich ging mit einem leichten Gefühl. Draußen ließ ich die Fragen nochmals Revue passieren und überlegte, ob ich bei dem Mann mit Sodbrennen etwas falsch gemacht hatte und hatte keine Ahnung von dem, was dann kam…
Wir haben lange beraten: Sie haben den Notfall, einen Herzinfarkt nicht erkannt. Sie haben kein zweites Mal den Blutdruck gemessen.
Im Nachhinein ist mir einiges aufgegangen. An der Stelle, wo die Ehefrau anruft und sagt, meinem Mann geht es nicht gut, hätte bei mir NOTFALL klingeln müssen!
Die Frage, ist er bei Bewusstsein reicht nicht. Ich hätte fragen müssen, was heißt das, dem Pat. geht es nicht so gut? Kann er aufstehen, kann ich mit ihm sprechen? Es ist irreführend: zwischen “mir geht es nicht so gut” und Todesangst/Vernichtungsschmerz des Herzinfarktes liegen Welten. Die Ehefrau hätte es sicher eindringlicher beschrieben.
Als die Frau sagte: der Blutdruck ist aber schön, hätte ich fragen sollen: wie sind die Werte denn sonst? Hypertonie und Hyperlipidämie zählen zum Infarktrisiko Nr. 1.
Ich habe epigastrischen Schmerz nicht in Oberbauchschmerz übersetzt. Ich weiß, dass sich ein untypischer Infarkt in 6% der Fälle so zeigen kann. In dem Moment, wo Frau L. mich drängte, jetzt meinen Verdacht und mein weiters Vorgehen zu äußern, war meine Möglichkeit weiter zu forschen oder Fragen zu stellen, und damit den Fall zu lösen, unterbrochen.
Frau Dr. L. sagte in der Nachbesprechung, ich habe nur den Unterbauch untersucht. Das stimmt nicht: ich habe das gesamte Abdomen untersucht (ich hatte den Eindruck, sie hatte mir nicht zugehört, sie hat ja auch immer weg geschaut.) An dieser Stelle hätte nämlich das Symptom Oberbauchschmerzen nochmals kommen müssen! Dass sie sagte, ich hätte nur den Unterbauch untersucht, kam mir erst in der folgenden Nacht zu Bewusstsein…
Beim Lernen ist mir das Symptom Sodbrennen im Bezug auf Herzinfarkt nie begegnet, auch nicht bei DD Sodbrennen. In der medizinischen Fachliteratur sowie im Pschyrembel konnte ich keine Hinweise finden. Es mag ein Erfahrungswert sein, den man von mir als Anfänger in der Prüfung erwartet!
Ich bin durch diese Situation gebrieft. Wenn mir im Leben ein älterer Mensch mit Sodbrennen, Übelkeit und Erbrechen begegnen sollte und ich durch den Verdacht auf Herzinfarkt rechtzeitig handle und ihm dadurch das Leben rette, dann hat es sich gelohnt, dass ich jetzt durch diese Prüfung gefallen bin.
Bevor ich mich von den Prüfern verabschiedet habe, habe ich mich erkundigt, wo ich jetzt hingehen muss, damit ich mich erneut zur Prüfung anmelden kann.
Ich wünsche denen, die sich in die Prüfung begeben: die Ruhe des lächelnden Buddha, die zielsichere Wachheit und den alles wahrnehmenden Blick des Adlers, und sichere ruhige Hände und Nerven. Viel Glück!
Petra

